Wer beruflich mit psychischer Gesundheit arbeitet, weiß, wie wichtig es ist, Warnsignale ernst zu nehmen. Wir sprechen darüber, dass psychische Erkrankungen jeden Menschen treffen können. Dass niemand sich für eine Depression, eine Angststörung oder eine Überlastung schämen sollte. Dass es Stärke sein kann, sich Unterstützung zu suchen.
Und trotzdem scheint für diejenigen, die genau diese Sätze beruflich sagen, manchmal eine andere Regel zu gelten.
Von Therapeut:innen, Psycholog:innen, Ärzt:innen und anderen Menschen in helfenden Berufen wird erwartet, dass sie stabil sind. Reflektiert. Belastbar. Dass sie mit schwierigen Situationen umgehen können, schließlich haben sie es gelernt.
Irgendwann kann aus dieser berechtigten professionellen Verantwortung jedoch ein problematisches Ideal werden: die Vorstellung der unerschütterlichen Fachperson.
Wir wissen es doch besser – oder?
Natürlich schützt Fachwissen. Es kann dabei helfen, Veränderungen einzuordnen, Warnsignale früher wahrzunehmen und zu wissen, wo Unterstützung zu finden ist.
Aber Wissen macht nicht unverwundbar.
Eine Psychotherapeutin kann wissen, wie wichtig Erholung ist – und trotzdem zu lange über ihre eigenen Grenzen gehen. Ein Psychiater kann jeden Tag Depressionen behandeln – und selbst an einer Depression erkranken. Eine Sozialarbeiterin kann anderen hervorragend dabei helfen, Unterstützung anzunehmen – und gleichzeitig Schwierigkeiten haben, das für sich selbst zu tun.
Vielleicht liegt genau darin eines der Probleme: Wer professionell hilft, erwartet mitunter auch von sich selbst, es besser können zu müssen.
Ich müsste doch merken, dass es zu viel wird.
Ich kenne doch die Warnzeichen.
Ich weiß doch, was ich jetzt tun müsste.
Aus Fachwissen kann dann paradoxerweise zusätzlicher Druck entstehen.
Verletzlichkeit passt schlecht zum Bild der helfenden Person
In vielen helfenden Berufen gehört es zur professionellen Rolle, Sicherheit zu vermitteln. Menschen kommen mit Krisen, Ängsten, traumatischen Erfahrungen oder existenziellen Fragen und erwarten zu Recht ein Gegenüber, das damit professionell umgehen kann.
Professionalität und eigene Verletzlichkeit schließen sich aber nicht aus.
Eine Fachperson kann kompetent und gleichzeitig erschöpft sein. Sie kann anderen Halt geben und selbst Unterstützung benötigen. Sie kann psychische Erkrankungen verstehen und trotzdem selbst eine entwickeln.
Eigentlich müsste das gerade in einem System selbstverständlich sein, das jeden Tag vermittelt: Psychische Erkrankungen sind kein persönliches Versagen.
Und trotzdem kann es schwer sein, genau diesen Satz auf sich selbst anzuwenden.
Wenn aus Selbstfürsorge Eigenverantwortung wird
Hinzu kommt etwas, das mich an vielen Diskussionen über Selbstfürsorge stört: Sie verlagern Verantwortung sehr schnell auf den einzelnen Menschen.
Mach genügend Pausen.
Achte auf Deine Grenzen.
Nutze Entspannungstechniken.
Sorge gut für Dich.
Das alles kann hilfreich sein. Aber es hat Grenzen.
Keine Atemübung reduziert dauerhaft zu hohe Fallzahlen. Kein Spaziergang beseitigt Personalmangel. Keine Morgenroutine schafft mehr Zeit für Patient:innen. Und auch die beste persönliche Abgrenzung kann Arbeitsbedingungen nicht vollständig kompensieren, die Menschen dauerhaft überfordern.
Selbstfürsorge ist wichtig. Sie darf aber nicht zur bequemen Antwort eines Systems auf strukturelle Belastungen werden. Denn wenn wir psychische Gesundheit ausschließlich individualisieren, lautet die Botschaft irgendwann nicht mehr: Die Bedingungen sind belastend.
Sondern:
Du hast offenbar nicht gut genug auf Dich aufgepasst.
Wir brauchen eine Kultur, in der Helfende nicht erst zusammenbrechen müssen
Supervision, kollegialer Austausch und Unterstützungsangebote sollten deshalb nicht erst relevant werden, wenn jemand kaum noch kann. Und sie sollten mehr sein als ein Termin, der irgendwo zwischen zwei anderen Verpflichtungen stattfinden muss.
Vor allem brauchen wir Räume, in denen Fachkräfte sagen können:
„Das belastet mich.“
„Ich merke, dass mir das gerade nähergeht.“
„Ich brauche Unterstützung.“
Ohne dass sofort ihre professionelle Eignung infrage gestellt wird. Denn vielleicht zeigt sich Professionalität nicht darin, niemals ins Wanken zu geraten, sondern eben darin, die eigene Verletzlichkeit ernst nehmen zu können.
Helfende sind auch nur Menschen
Menschen in helfenden Berufen tragen Verantwortung. Gerade deshalb ist es wichtig, eigene Belastungsgrenzen zu kennen und dafür Sorge zu tragen, weiterhin professionell arbeiten zu können.
Aber Verantwortung ist etwas anderes als Unverwundbarkeit.
Wir sollten aufhören, von Menschen, die beruflich mit psychischen Krisen arbeiten, insgeheim zu erwarten, dass sie selbst über ihnen stehen.
Helfende dürfen erschöpft sein. Sie dürfen psychisch erkranken. Sie dürfen Unterstützung brauchen. Und vor allem sollten sie diese Unterstützung bekommen können, ohne sich dafür weniger professionell fühlen zu müssen.
Denn wer anderen hilft, hört dadurch nicht auf, selbst ein Mensch zu sein.
Die Person hinter diesem Beitrag
Lisa Hartmann ist Psychologin (M.Sc.) und befindet sich in der Ausbildung zur Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie. In ihren Beiträgen verbindet sie psychologisches Fachwissen und Erfahrungen aus der psychotherapeutischen Arbeit mit einer persönlichen Perspektive auf psychische Gesundheit.
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tbd
