Psychotherapeut:innen, Psycholog:innen und andere Fachkräfte aus dem psychosozialen Bereich sind tagtäglich mit den Schmerzen anderer Menschen konfrontiert. Sie hören von Ängsten, Verlusten, Traumata und Lebensbrüchen und sollen dabei Ruhe, Empathie und Stabilität verkörpern.
Die Gesellschaft, und oft auch sie selbst, erwartet von Helfenden, dass sie stark, reflektiert und belastbar sind. Schließlich haben sie gelernt, wie die Psyche funktioniert. Doch Fachwissen schützt nicht vor eigener Verletzlichkeit. Auch diejenigen, die anderen Halt geben, können ins Wanken geraten. Und genau darüber wird noch immer zu selten gesprochen. Das möchten wir heute mit diesem Blogbeitrag ändern.
Das Idealbild der Unerschütterlichen
Das Bild des/der „unerschütterlichen Therapeuten:in“ ist tief verwurzelt. Es speist sich aus kulturellen Erwartungen („Wer anderen hilft, muss selbst stabil sein“) und aus einem Berufsethos, der Professionalität mit emotionaler Kontrolle gleichsetzt. Dass kann zur Folge haben, dass Fachpersonen dieses Ideal verinnerlichen, bis sie sich kaum mehr erlauben, „schwach“ zu sein.
Hinzu kann der Wunsch des Helfens kommen und die Tendenz, sich über das Geben und Kümmern zu definieren, teilweise sogar bis zur Selbstaufgabe. Wer seinen Selbstwert vor allem daraus zieht, für andere da zu sein, kann leicht die eigenen Grenzen übersehen. Mögliche Folgen: Erschöpfung, emotionale Überforderung und das Gefühl, nicht genug zu sein.
Dieses Ideal der Unverwundbarkeit ist gefährlich. Es fördert ein Klima des Schweigens, in dem Selbstzweifel und Überforderung als persönliches Versagen empfunden werden, statt als normale menschliche Reaktion auf Dauerstress und emotionale Nähe zu Leid.
Wenn Wissen nicht schützt
Psychische Erkrankungen können jede und jeden treffen, unabhängig von Ausbildung, Beruf oder Lebensumständen. Auch Psycholog:innen und Therapeut:innen sind davor nicht gefeit. Im Gegenteil: Sie arbeiten in einem Umfeld, das emotional hoch beansprucht.
Typische Belastungen sind:
- Sekundäre Traumatisierung: Das wiederholte Anhören traumatischer Erlebnisse kann eigene belastende Reaktionen hervorrufen, ähnlich wie bei Menschen, die das Trauma selbst erlebt haben.
- Empathieerschöpfung (Compassion Fatigue): Das ständige Mitfühlen mit anderen kann zu einem Zustand emotionaler Erschöpfung führen, in dem Mitgefühl schwerfällt.
- Burnout: Ein Zustand tiefer Erschöpfung, Entfremdung und Leistungsabfall, der meist durch chronische Überforderung und fehlende Regeneration entsteht
Theoretisches Wissen hilft zwar, Warnzeichen zu erkennen, doch es schützt nicht davor, sie zu erleben. Denn Erkennen ist etwas anderes als Handeln, besonders wenn man selbst betroffen ist.
Das Schweigen im Hilfesystem
Trotz der hohen psychischen Belastung suchen viele Fachkräfte erst spät oder gar keine Unterstützung. Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Angst vor Stigmatisierung: Wer anderen psychische Stabilität vermitteln soll, fürchtet, unglaubwürdig zu wirken, wenn er selbst Hilfe braucht.
- Sorge um berufliche Konsequenzen: Einige befürchten, dass eine eigene psychische Diagnose den Ruf oder gar die Berufszulassung gefährden könnte.
- Mangelnde institutionelle Kultur der Offenheit: In vielen Einrichtungen gibt es kaum Raum für ehrliche Gespräche über persönliche Krisen.
So entsteht ein paradoxes Schweigen inmitten eines Systems, das auf Offenheit und Empathie baut. Viele Fachkräfte funktionieren weiter, bis die Erschöpfung unübersehbar wird.
Auch strukturelle Faktoren spielen eine Rolle: Zeitdruck, hohe Fallzahlen, Bürokratie und wirtschaftlicher Druck erschweren Selbstfürsorge. Supervision, die eigentlich ein zentrales Instrument professioneller Reflexion sein sollte, wird ggf. eher zur Pflichtübung oder entfällt ganz. All das zusammengenommen kann zu einer gefährlichen Isolation im Berufsalltag führen.
Warnzeichen, die Helfende oft übersehen
Helfende sind geübt darin bei anderen feinste Veränderungen wahrzunehmen. Bei sich selbst hingegen kann das schwer fallen. Zu den häufig übersehenen Warnsignalen zählen:
- Emotionale Taubheit oder zunehmender Zynismus gegenüber Patient:innen
- Gereiztheit, Schlafstörungen oder körperliche Beschwerden ohne klare Ursache
- Rückzug von Kolleg:innen, Familie oder Freund:innen
- Verlust des Sinngefühls, innere Leere oder Selbstzweifel
Diese Anzeichen sind kein Beweis von Schwäche, sondern ein Hinweis darauf, dass jemand lange stark war. Sie ernst zu nehmen, ist kein persönliches Versagen, es ist professionelles Handeln.
Stärke durch Verletzlichkeit
Helfende, die ihre eigene Verletzlichkeit anerkennen, handeln nicht unprofessionell, sondern authentisch.
Es geht also nicht darum, unerschütterlich zu bleiben, sondern darum, den eigenen Halt immer wieder neu zu finden mit Reflexion und Selbstmitgefühl und wenn es notwendig ist auch durch die Inanspruchnahme externer Hilfe.
Denn psychische Gesundheit ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann behält. Sie ist ein Prozess, der Aufmerksamkeit braucht, bei allen Menschen, gerade auch bei denen, die für andere da sind.
Helfende brauchen Räume, in denen sie selbst Hilfe erfahren dürfen. Nur so kann professionelle Unterstützung langfristig tragfähig bleiben.
Insight Lisa
Der Wecker klingelt und direkt ist klar: So wird das heute nichts mit Therapiestunden geben. Einen Tag krankmelden, das wird sicher reichen. Doch im Laufe des Tages wird klar: Nein, das reicht nicht. Also am nächsten Tag ab zum Arzt.
Als ich ihm gegenübersitze ist schnell beschrieben was los ist. Ich fühle mich sowohl körperlich wie auch psychisch extrem erschöpft. Die vergangenen knapp vier Wochen waren herausfordernd und zollen jetzt ihren Tribut. Er schaut mich an und fragt gerade heraus und etwas herausfordernd „Haben Sie eine Depression?“ Er kennt meinen Beruf und ich schmunzle. „Noch nicht“, antworte ich, aber ich weiß, dass ich jetzt aufpassen sollte, denn sonst könnte eine draus werden.“ Er nickt und schiebt mir lächelnd einen Kurzfragebogen für Depression herüber. „Ich weiß Sie sind vom Fach, füllen Sie den trotzdem einfach mal aus.“ Gesagt getan. Ich rechne das Ergebnis aus und es kommt heraus, was wir beide bereits dachten.
Ja, leicht depressiv verstimmt, aber nichts Pathologisches. Sein Auftrag an mich: Das, was ich meinen Patient:innen immer predige. Raus an die frische Luft, angenehme Aktivitäten machen, Kopf freibekommen, ausruhen, Kraft tanken, nicht in den Rückzug gehen.
Drei Tage später zeigt sich, es war genau die richtige Entscheidung so schnell zu reagieren. Es geht deutlich bergauf, die dunklen Wolken verziehen sich wieder und die Leichtigkeit kehrt zurück. Eine Woche später kann ich wieder stabil und fit für meine Patient:innen da sein und sie begleiten.
Ja, meine fachliche Kompetenz sorgte dafür, dass mir Frühwarnzeichen meiner eigenen Psyche direkt auffielen und ich entsprechend schnell reagierte. Wovor sie mich nicht bewahren kann ist, dass auch ich mal ins Wanken geraten kann und fachliche Unterstützung anderer für meine eigene psychische Gesundheit benötige.
