Psychiatrie – für viele Menschen ist dieser Begriff noch immer mit Bildern, Ängsten und Vorurteilen verbunden. Wer war noch nie dort und weiß trotzdem ziemlich genau, wie es dort angeblich zugeht?
Dabei kann ein Klinikaufenthalt ganz unterschiedlich aussehen. Gespräche, Medikamente, Ergo- oder Bewegungstherapie, Kontakt zu Mitpatient:innen, ziemlich viel Alltag – und manchmal die ernüchternde Erkenntnis, dass man nach ein paar Wochen eben nicht mit einem hübschen Stempel „geheilt“ wieder nach Hause geht.
Myrthe van der Meer nimmt uns in „Tiefdruckgebiet – Wie ich meine Depression in den Griff bekam“ mit in ihren eigenen Klinikalltag. Sie erzählt von Depression und Suizidgedanken, von Therapie und Medikamenten, von Mitpatient:innen und davon, wie schwierig es sein kann, überhaupt anzuerkennen, dass man Hilfe braucht.
Auf einen Blick
Titel: Tiefdruckgebiet – Wie ich meine Depression in den Griff bekam
Autorin: Myrthe van der Meer
Verlag: Heyne
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: autobiografischer Erfahrungsbericht
Themen: Depression, Suizidgedanken, Psychiatrie, Klinikaufenthalt, Therapie, Medikamente
Worum geht es?
Von außen betrachtet scheint bei Myrthe vieles zu stimmen: Sie ist jung, beruflich erfolgreich und lebt in einer Beziehung. Dass sie fast täglich an den Tod denkt, empfindet sie selbst lange nicht als Zeichen einer psychischen Erkrankung. Für sie gehört es schlicht zu ihrem Leben.
Bis es nicht mehr geht.
Nach einem Zusammenbruch kommt Myrthe in eine psychiatrische Klinik. Dort beginnt für sie nicht nur die Behandlung ihrer Depression. Sie muss sich überhaupt erst mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass das, was für sie längst Normalität geworden ist, keineswegs selbstverständlich ist.
Das Buch begleitet uns durch ihren Klinikalltag: Gespräche mit Ärzt:innen und anderen Mitarbeitenden, verschiedene Therapieangebote, Medikamente und Begegnungen mit Mitpatient:innen. Dabei geht es immer wieder um die Diskrepanz zwischen dem Bild, das Myrthe nach außen zeigt, und dem, was tatsächlich in ihr vorgeht.
FĂĽr wen eignet sich das Buch?
„Tiefdruckgebiet“ eignet sich aus meiner Sicht besonders für Menschen, die wissen möchten, wie ein psychiatrischer Klinikaufenthalt erlebt werden kann.
Für Menschen mit eigenen Depressionserfahrungen können manche Gedanken und Situationen vertraut wirken. Angehörigen und Interessierten wiederum ermöglicht das Buch einen Blick hinter die Kulissen einer Behandlung, die von außen manchmal schwer nachzuvollziehen ist.
Gleichzeitig ist es wichtig, Myrthes Geschichte als das zu lesen, was sie ist: eine persönliche Erfahrung. Psychiatrische Kliniken unterscheiden sich, Behandlungen unterscheiden sich – und Menschen mit Depression sowieso.
Das Buch thematisiert außerdem wiederholt Suizidgedanken. Wer weiß, dass solche Schilderungen gerade belastend sein könnten, sollte das bei der Entscheidung für das Buch berücksichtigen.
Genauer hingeschaut
Als ich „Tiefdruckgebiet“ zum ersten Mal in der Hand hatte, war meine Begeisterung zunächst überschaubar. Über Depression und psychiatrische Behandlung hatte ich bereits einiges gelesen. Brauchte ich wirklich noch einen Erfahrungsbericht?
Offenbar ja.
Schon die Leseprobe hat mich neugierig gemacht. Besonders hängen blieb bei mir ein Gespräch zwischen Myrthe und ihrem Arzt. Sie selbst ist lange davon überzeugt, gar nicht krank zu sein – und damit konfrontiert zu werden, dass ihre alltäglich gewordenen Gedanken eben nicht für alle Menschen alltäglich sind, bringt etwas ins Wanken.
Genau darin liegt für mich eine Stärke des Buches: Myrthe weiß nicht von Anfang an, was mit ihr passiert. Sie erzählt nicht rückblickend eine perfekt sortierte Genesungsgeschichte, in der jedes Symptom bereits seinen Namen und jede Entwicklung ihren Sinn hat. Ich erlebe vielmehr mit, wie sich ihre eigene Wahrnehmung Stück für Stück verändert.
Auch ihre humorvolle, teilweise sarkastische Art fand ich spannend. Nach außen erscheint sie häufig taff und lustig. Gleichzeitig wird durch ihre Gedanken deutlich, wie schlecht es ihr tatsächlich geht. Der Humor wirkt dadurch nicht wie ein Gegenbeweis zur Depression, sondern teilweise wie eine Möglichkeit, mit ihr umzugehen und anderes auf Abstand zu halten.
Interessant fand ich außerdem den Umgang mit Medikamenten. Im Buch werden sie nicht zum simplen „Heilmittel“. Myrthe probiert verschiedene Medikamente aus, ohne den erhofften Effekt zu erleben. Das bildet natürlich nicht ab, wie Medikamente grundsätzlich wirken – wohl aber eine Erfahrung, die manche Betroffene machen: Die passende Behandlung zu finden, kann dauern, und nicht jede Maßnahme hilft jedem Menschen gleichermaßen.
Auch die Mitpatient:innen gehören zur Geschichte. Manche Begegnungen machen Myrthe Angst, aus anderen entwickelt sich Nähe oder Freundschaft. Ihre Geschichten werden eher angerissen als ausführlich erzählt. Dadurch bleibt der Fokus bei Myrthe, während gleichzeitig sichtbar wird, wie unterschiedlich Menschen und Erkrankungen innerhalb einer psychiatrischen Klinik sein können.
Was mir rückblickend etwas fehlt, ist der Blick auf die Zeit nach der Klinik. Myrthes Geschichte ist mit ihrer Entlassung nicht abgeschlossen, erst Recht nicht symptomfrei und geheilt – gerade deshalb hätte mich interessiert, wie sie einige Monate später mit ihrer Depression und dem Alltag außerhalb der Klinik umgegangen ist.
Andererseits liegt genau darin für mich eine der stärksten Aussagen des Buches. Denn eine Entlassung bedeutet eben nicht automatisch, dass eine psychische Erkrankung überwunden ist.
Was bleibt?
Der Untertitel lautet „Wie ich meine Depression in den Griff bekam“. Wer deshalb eine klassische Geschichte nach dem Muster krank → Klinik → gesund erwartet, bekommt etwas anderes.
Und das gefällt mir.
Ein Klinikaufenthalt kann ein wichtiger Teil einer Behandlung sein, aber er muss nicht das Ende einer psychischen Erkrankung markieren. Nach der Entlassung wartet schließlich kein komplett neues Leben vor der Kliniktür. Da wartet erst einmal … das eigene. Mit Beziehungen, Arbeit, Konflikten, Anforderungen und all den Dingen, die vorher schon da waren.
Genau deshalb ist das offene Ende fĂĽr mich heute weniger ein Manko, als ich es beim ersten Lesen empfunden habe.
„Tiefdruckgebiet“ gibt einen persönlichen und für mich sehr authentisch wirkenden Einblick in Depression und psychiatrische Behandlung, ohne daraus eine glattgebügelte Erfolgsgeschichte zu machen.
Und vielleicht ist genau das die Stärke dieses Buches. Die Geschichte ist nicht vorbei, nur weil der Klinikaufenthalt vorbei ist.
Ăśber die Autorin
Myrthe van der Meer, Jahrgang 1983, veröffentlichte „Tiefdruckgebiet“ zunächst in den Niederlanden unter dem Titel „PAAZ“. Die Autorin schreibt unter einem Pseudonym und verarbeitet darin eigene Erfahrungen mit Depression und psychiatrischer Behandlung.
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tbd
