Symbolbild für unterschiedliche Perspektiven auf psychische Gesundheit

Psychische Gesundheit braucht mehrere Perspektiven

Es gibt kaum ein Thema, bei dem Menschen so schnell in Lager eingeteilt werden wie bei psychischer Gesundheit. Die einen sagen: „Nur wer selbst betroffen war oder ist, kann verstehen, was in mir vorgeht.” Die anderen entgegnen: „Eigene Erfahrungen reichen nicht aus, dafür braucht es Fachwissen.“

Dazwischen stehen Angehörige, die ihre ganz eigenen Erfahrungen machen. Und die Fachpersonen, die sich manchmal den Vorwurf anhören müssen, sie könnten psychisches Leid ohnehin nicht nachvollziehen, wenn sie es nicht selbst erlebt haben.

Aber warum tun wir eigentlich so, als müsste sich all das gegenseitig ausschließen?

Ich denke, psychische Gesundheit braucht mehrere Perspektiven.

Die Sehnsucht nach einfachen Antworten

Psychische Erkrankungen sind komplex, sie bringen Unsicherheiten mit sich und werfen Fragen auf, auf die es meistens keine schnellen Antworten gibt. Und doch suchen wir so oft nach einfachen Erklärungen und verstricken uns in pauschalen Aussagen:

„Wer selbst betroffen ist, versteht mich besser.“

„Nur Therapeut:innen wissen wirklich Bescheid.“

„Coaches haben keine Ahnung.“

„Studierte kennen nur die Theorie.“

Online, in meinen Beratungen oder auch in unseren Workshops begegnen mir diese Sätze immer wieder. Und ich kann sie verstehen, weil sie Orientierung versprechen. Aber zugleich greifen sie viel zu kurz.

Denn keine dieser Aussagen ist grundsätzlich richtig. Und keine ist grundsätzlich falsch.

Jede Perspektive sieht etwas, das andere nicht sehen

Psychische Gesundheit bzw. Erkrankungen betreffen nie nur einen Lebensbereich. Sie hat biologische, psychologische und soziale Dimensionen. Genau deshalb kann auch keine einzelne Perspektive das gesamte Bild erfassen.

Eine Person, die selbst eine Depression erlebt hat, kennt vielleicht die Erschöpfung, die Schuldgefühle oder die Hoffnungslosigkeit aus eigener Erfahrung. Sie weiß, wie sich manche Symptome anfühlen – nicht aus einem Lehrbuch, sondern aus dem eigenen Leben. Und natürlich ist das unglaublich wertvoll, weil es Hoffnung geben, Vertrauen schaffen und das Gefühl vermitteln kann, dass da jemand ist, der einen endlich versteht.

Gleichzeitig bleibt diese Erfahrung immer noch “nur” eine persönliche Erfahrung.

Nicht jede Depression fühlt sich gleich an. Nicht jedes Trauma hinterlässt dieselben Spuren. Nicht jede Angststörung zeigt sich auf die gleiche Weise. Die eigene Geschichte macht niemanden automatisch zur Expertin oder zum Experten für alle anderen. Wenn wir Krankheits- und auch Genesungserfahrungen haben, macht uns dies durchaus zu Erfahrungsexpert:innen – zunächst einmal für unsere eigene Geschichte. Genau darin liegt ihre Stärke – und gleichzeitig ihre Grenze.

Umgekehrt gilt aber auch, dass ein:e Psychiater:in oder ein:e  Psychotherapeut:in nicht selbst eine psychische Erkrankung erlebt haben muss, um erkrankte Menschen kompetent behandeln zu können.

Fachwissen entsteht durch Ausbildung, praktische Erfahrung, Supervision, Forschung und kontinuierliches Lernen. Gute Therapeut:innen, Ärzt:innen oder Berater:innen entwickeln Empathie nicht ausschließlich durch eigene Betroffenheit, sondern auch durch ihre professionelle Haltung und den Kontakt mit vielen unterschiedlichen Menschen.

Und dann gibt es noch eine Perspektive, die oft übersehen wird: die der Angehörigen. Sie erleben die psychischen Erkrankungen ebenfalls – nur anders. Sie sehen Veränderungen, erleben Hilflosigkeit, tragen Verantwortung, machen sich Sorgen und suchen ihren eigenen Weg zwischen Unterstützung und Selbstfürsorge. Auch diese Erfahrungen sind wichtig.

Das Problem beginnt, wenn eine Perspektive zur einzigen Wahrheit wird

Schwierig wird es nicht dadurch, dass unterschiedliche Perspektiven existieren. Schwierig wird es dann, wenn wir glauben, eine davon reiche aus. Wenn persönliche Erfahrungen als allgemeingültige Wahrheit verstanden werden. Wenn wissenschaftliche Erkenntnisse persönliche Erfahrungen kleinreden. Wenn Angehörige den Eindruck bekommen, ihre Belastung spiele keine Rolle. Oder wenn Fachpersonen pauschal abgesprochen wird, sie könnten psychisches Leid gar nicht verstehen.

Jede Perspektive hat ihre Stärken. Und jede hat ihre Grenzen. Gerade deshalb ergänzen sie sich.

Unterschiedlich heißt nicht besser oder schlechter

In den letzten 10 Jahren habe ich mit vielen Menschen zusammengearbeitet: Mit Betroffenen, Angehörigen, Psycholog:innen, Therapeut:innen, Ärzt:innen, Sozialarbeiter:innen, Berater:innen und Menschen aus den Selbsthilfegruppen.

Diese Menschen haben ein- und dieselbe Situation oftmals ganz unterschiedlich beschrieben – und trotzdem hatten alle recht, weil sie auf dieselbe Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln geschaut haben.

Die Betroffene beschreibt vielleicht ihre Hoffnungslosigkeit. Der Angehörige erzählt von seiner Hilflosigkeit. Der Therapeut erkennt bestimmte Muster. Die Ärztin achtet auf körperliche Ursachen. Die Person aus der Selbsthilfegruppe sagt, dass sie dieses Gefühl auch kennt.

Keiner dieser Blickwinkel ersetzt den anderen. Aber er vervollständigt das Gesamtbild.

Genau deshalb braucht psychische Gesundheit mehrere Perspektiven

Als wir “Erste Hilfe für die Psyche” gegründet und entwickelt haben, war uns von Anfang an klar und besonders wichtig:

Wir wollen in unseren Workshops und hier auf der Website nicht ausschließlich wissenschaftliche Erkenntnisse teilen oder akademische Texte veröffentlichen. Aber genausowenig wollten wir ausschließlich persönliche Erfahrungsberichte teilen.

Von Anfang an waren wir ein multiprofessionelles Team – also eine Mischung aus eigener Betroffenheit, Angehörigen-sein und akademischem Hintergrund. “Erste Hilfe für die Psyche” – das ist ist nicht nur ein Projektname, sondern ein Ort, an dem unterschiedliche Perspektiven miteinander ins Gespräch kommen.

Deshalb kommen bei uns ganz unterschiedliche Stimmen zu Wort:

Fachpersonen. Menschen mit eigenen Erfahrungen. Angehörige.

Und deshalb wird es bei uns manchmal unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage geben. Nicht, weil wir uns nicht entscheiden können. Sondern weil psychische Gesundheit selten einfache, eindimensionale Antworten kennt.

Nicht entweder – sondern sowohl als auch

Wir denken nicht, dass Erfahrung gegen Wissenschaft steht oder dass Psychotherapie und Selbsthilfegruppen Konkurrenten sind. Wir denken nicht, dass Fachwissen persönliche Erfahrungen ersetzt. Und genauso wenig denken wir, dass persönliche Erfahrungen Fachwissen überflüssig macht.

Psychische Gesundheit ist zu komplex, um sie nur aus einer Richtung zu betrachten. Je mehr unterschiedliche Perspektiven wir zulassen, desto besser können wir verstehen, was Menschen in Krisen wirklich brauchen.

Vielleicht geht es deshalb nicht darum, herauszufinden, wer recht hat, sondern darum, neugierig zu bleiben und zuzuhören. Denn manchmal entsteht das beste Verständnis genau dort, wo unterschiedliche Erfahrungen, Kompetenzen und Blickwinkel zusammenkommen.

Und vielleicht merken wir dann, dass eine spannende Frage noch offen ist. Nämlich: Welche Perspektive fehlt uns gerade noch?

Die Person hinter diesem Beitrag

Nora Fieling ist Ex-In-Genesungsbegleiterin, Autorin und Referentin für psychische Gesundheit sowie Resilienztrainerin und Mental Health First Aider (MHFA). Sie kennt psychische Erkrankungen aus verschiedenen Perspektiven – als Betroffene von Depression, Angst- und Traumafolgestörung und auch als Angehörige von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Ehrenamtlich engagiert sie sich als Fachbeirätin der Berliner Fachstelle Suizidprävention. In ihren Beiträgen verbindet sie Erfahrungsexpertise mit fachlichem Wissen und beleuchtet psychische Gesundheit aus unterschiedlichen Perspektiven.

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tbd

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